Nach zwölf Jahren, unzähligen Rezensionen, Interviews und häufig zu wenig Schlaf verabschiedet sich seilers-werbeblog.ch von der Werbebühne. Höchste Zeit für ein paar letzte Worte.
In unserer Branche lernt man früh, wie wichtig Markenführung, Positionierung, Bekanntheit und Differenzierung sind. Und wer seinen Kunden täglich erklärt, weshalb sie an ihrer Awareness arbeiten sollten, darf gelegentlich auch an die eigene denken.
Die Kreativen hatten dafür schon immer ihre Mappen. Vollgepackt mit den grossartigsten Ideen, selbst wenn der eigene Beitrag manchmal nur aus einer Randnotiz bestand. Aber was hatten die Berater? Die raffinierteste Excel-Formel? PowerPoint-Präsentationen? Sitzungsprotokolle? Ein paar besonders gelungene Briefings mit echten Insights?
Ich entschied mich vor rund 12 Jahren für einen Blog, mit dem Ziel, an meiner eigenen Awareness zu arbeiten.
Was als persönliche Plattform begann, entwickelte sich zu einer ziemlich zeitintensiven Leidenschaft. Der Blog musste neben dem normalen Agenturalltag Platz finden, der selten von Langeweile geprägt war. Besonders in den Anfangsjahren waren 15-Stunden-Tage keine Seltenheit. Und stand am Wochenende ein Newsletter an, war auch die Freizeit schnell verplant. Andere gingen joggen, ich schrieb über Werbung.
Und es hat sich gelohnt.
Nicht wegen der Klickzahlen oder der eigenen Positionierung, sondern vor allem wegen der Menschen, die ich kennenlernen durfte.
Es ist erstaunlich, wie offen eine Branche sein kann, in der ansonsten gerne über Egos, Eitelkeiten und Selbstdarstellung gesprochen wird. Ob Markus Ruf, Frank Bodin, Petra Dreyfus (von ihr erhielt ich dank dem Blog den Job bei Wirz), Thomas Wildberger, Dennis Lück, Peter Felser, Jean-Reamy von Matt oder Vertreter einer früheren Werbergeneration wie Hermann Strittmatter oder Jean Etienne Aebi: Sie alle nahmen sich Zeit für meine Fragen. Niemand war sich zu schade, einem unabhängigen Blogger ein Interview zu geben. Natürlich war der Blog auch für sie eine Gelegenheit, an der eigenen Marke zu feilen. Für die Offenheit aller Interviewten bin ich bis heute dankbar.
Besonders gefreut hat mich, dass ab einem gewissen Zeitpunkt auch das Fachmedium HORIZONT meine Interviews veröffentlichte. Aus einem privaten Projekt wurde damit gelegentlich etwas mehr als nur ein kleiner Blog.
Eine Branche im Wandel
Als ich den Blog gründete, war die Werbewelt noch eine andere. Es gab sie noch, die grossen Aushängeschilder, legendäre Kampagnen und Budgets, mit denen man für den perfekten Winter auch mal nach Kanada flog. Werbung war nicht nur Mittel zum Zweck, sondern oft selbst ein Ereignis. Man sprach über Kampagnen, kannte ihre Macher und manchmal wurden Werbespots berühmter als die Produkte, für die sie warben.
Zur Werbung gehörten schon immer die Diven und andere Vögel, die braven Berater, die Alphatiere und natürlich die Starwerber. Letztere wurden von manchen zwar belächelt. Ich hingegen fand sie immer wichtig. Heute wäre man froh, wenn es noch ein paar von ihnen gäbe. Ich wollte mit meinem Blog den grossen Namen der Werbung auf den Zahn fühlen. Ein bisschen Schweizer Illustrierte für die Werbebranche, einfach ohne Homeshooting und Starwerber in der Badewanne.
Heute sind nicht nur die grossen Namen weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden, sondern auch ein sehr grosses Stück der Faszination. Statt über Ideen wird hauptsächlich über KPIs gesprochen, statt über Kreation über Conversion.
Performance, Effizienz und Kosten bestimmen zunehmend die Diskussion. KI übernimmt immer mehr der Aufgaben. Grosse Kampagnen wie die für Schweiz Tourismus sind zur Ausnahme geworden. Statt sich gegenseitig zu Höchstleistungen anzutreiben, bemitleiden sich die Agenturen. Kreative feiern ihren Wechsel zu Agenturen, die sie vor zwei Jahren noch mit Missachtung gestraft hätten. Gift für alle, die noch immer voll motiviert sind. Migros, als eine der wichtigsten Werbeauftraggeber überhaupt, macht es jetzt ein M günstiger. Inhouse ist die neue Zauberformel; ich gehe so weit und sage, dass die Bereinigung noch nicht zu Ende ist. Was mich sehr traurig macht.
Die Agenturen beschäftigen sich längst nicht mehr nur mit der nächsten grossen Idee, sondern immer häufiger mit ihrer eigenen Wirtschaftlichkeit. Ich habe selbst erlebt, wie bei Wirz zeitweise mehr über Kosten, Leistungspakete und Preisstrategien diskutiert wurde als über innovative Kampagnen. Die besten Kreativen der Agentur sassen in Meetings, um über Kosten zu diskutieren, aus Kreativen wurden Finanzplaner. Was für Zeiten. Wo früher Agenturen um die grossen Budgets kämpften, kämpfen heute viele um den Verkauf von Stockwerken, gegen unzufriedene Mitarbeiter und verzweifelt für die gute Stimmung. Die grossen Partys, durch welche sich die Agenturwelt schon immer auszeichnete, sind seit Corona sowieso passé.
Auch das Verhältnis zwischen Auftraggebern und Agenturen hat sich verändert. Kunden sind mächtiger geworden, die Einflussnahme auf die Kreation grösser. Selten zum echten Vorteil einer Kampagne. Die abertausenden Korrekturrunden sind der Genickbruch einer ganzen Branche.
Natürlich gibt es sie noch, die grossartigen Auftraggeber, die ihren Agenturen vertrauen, sie fordern und ihnen Freiraum lassen. Ich denke dabei beispielsweise an meinen langjährigen Kunden VBZ.
Vielleicht klingt das alles etwas nostalgisch. Mag sein. Die Werbung hat ihre Bedeutung zwar noch nicht komplett verloren, aber ein gutes Stück ihrer Strahlkraft. Neue Disziplinen und Technologien haben vieles verändert und die Anforderungen sind gestiegen. Die Begeisterung für die grosse Idee scheint dabei, bis auf wenige Ausnahmen, auf der Strecke zu bleiben.
Ein grosses Dankeschön
Ein ganz besonderer Dank gilt den Menschen, ohne die es diesen Blog in dieser Form nicht gegeben hätte.
Allen voran meiner Frau Zuleika, die über all die Jahre das Lektorat übernahm und vermutlich mehr Kommafehler, sprachliche Ungereimtheiten und spontane Geistesblitze ertragen musste, als es ihr lieb war. Ohne sie wären manche Beiträge zwar früher online gewesen, aber definitiv mit ein paar amüsanten Fehlern gesegnet.
Kai Kehrer, meinem digitalen Freund, ohne den es seilers-werbeblog.ch gar nicht gegeben hätte.
Michael Kathe, der mit «Michael rezensiert» eine eigene, äusserst beliebte Stimme auf dem Blog bekam und sehr geschätzt wurde.
Andreas Panzeri, Mr. Werbewoche, mit dem ich viele spannende Erlebnisse teilen durfte.
Markus Ruf stellvertretend für alle, die Interviews gegeben haben. Ein echtes Vorbild, wie man super erfolgreich und trotzdem hilfsbereit und bodenständig sein kann.
Und weshalb ist jetzt Schluss?
Nach zwei Jahrzehnten in der Agenturwelt habe ich mich vor einem Jahr entschieden, beruflich die Seiten zu wechseln. Damit ist jetzt auch der richtige Zeitpunkt gekommen, den Blog zu beenden.
Was bleibt, sind unzählige Erinnerungen, inspirierende Begegnungen und die Dankbarkeit, Teil einer Branche gewesen zu sein, die mich beruflich und persönlich geprägt hat.
In diesem Sinne: Danke für zwölf Jahre Aufmerksamkeit!
Herzliche Grüsse
Yves Seiler






